Die Wechselwilligkeitsstudie 2026
Ganz frisch auf dem Markt! Jedes Jahr gibt es im Rahmen einer Langzeitstudie eine Erhebung von forsa (im Auftrag von XING). Die Inhalte: Jobzufriedenheit, Gehalt und Motivation am Arbeitsplatz. Hierfür wurden in Deutschland 3.418 Personen befragt – die Ergebnisse sind repräsentativ für Angestellte. Schauen wir mal rein.
Warum denken so wenige über einen Jobwechsel nach?
Ja, was sagen denn eigentlich die Befragten? Denn die generelle Wechselwilligkeit verzeichnet den zweitniedrigsten Wert seit Beginn – nämlich 34 Prozent. Laut forsa denken aktuell so wenige über einen Jobwechsel nach, weil vielen Sicherheit wichtiger ist als Veränderung. Generell sind sie vorsichtiger geworden: Aktuell herrscht eine große wirtschaftliche Unsicherheit und dazu kommen noch technologische Umbrüche (Hallo, KI!), also entscheiden sich viele, in ihrem sicheren Job zu bleiben.
Die Studie nennt dafür vier Gründe:
#1 Stabilität schlägt Abenteuer
Viele bewerten Ihren Job derzeit weniger danach, ob er superspannend oder gar perfekt ist. Sondern danach, ob er planbar, berechenbar und tragfähig ist. Der in der Studie zitierte Arbeitsmarkt- und Karriere-Experte Bastian Hughes sagt sinngemäß: Wechsel werden aktuell sehr viel sorgfältiger vorbereitet und oft erst dann umgesetzt, wenn genug Sicherheit da ist.
#2 Sicherheit ist zum Leitmotiv geworden
Im direkten Vergleich würden sich 58 Prozent lieber für einen sicheren, aber weniger spannenden Job entscheiden als für eine interessantere Stelle mit mehr Risiko. Das zeigt ziemlich klar, warum viele lieber bleiben, statt den nächsten Schritt zu wagen.
#3 Viele sind ausreichend zufrieden
Zumindest in einem Maße, um nicht aktiv auf Jobsuche zu gehen. Ganze 84 Prozent der Befragten sagen, dass sie mit ihrer aktuellen Tätigkeit zufrieden sind. Die Studie ordnet das aber eher als „funktionale Zufriedenheit“ ein: nicht unbedingt große Begeisterung, aber genug, um keinen akuten Wechseldruck zu spüren.
#4 Ein Wechsel fühlt sich riskanter an als früher
Neue Probezeit, unsichere Marktlage, mögliche KI-Verunsicherung und die Frage, ob ein neuer Arbeitgeber wirklich stabil ist, bremsen viele aus. Die Studie formuliert das ziemlich klar: Für viele Beschäftigte ist das Bleiben aktuell eine Form von Risikosteuerung.
Was sind die häufigsten Gründe für einen Jobwechsel?
Auch wenn die Wechselbereitschaft niedrig ist, werden täglich von sehr vielen Beschäftigen Bewerbungen geschrieben. Menschen wechseln selten ihren Job einfach aus einer Laune heraus – in den meisten Fällen gibt es konkrete Auslöser. Warum das wichtig ist für Dich: Wenn Du verstehst, warum Talente wechseln wollen, kannst Du Stellen besser zuschneiden, Vorstellungsgespräche gezielter führen und die Motive dahinter realistischer einordnen.
#1 Gehalt und Entwicklungsmöglichkeiten
Ein häufiger Grund ist die Unzufriedenheit mit Gehalt oder Entwicklungsmöglichkeiten. Viele Mitarbeitende haben irgendwann das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Entweder passt das Gehalt nicht mehr zur Verantwortung, oder es fehlt an Perspektiven. Wer intern keine echte Weiterentwicklung sieht, schaut sich eben extern um.
#2 Wertschätzung
Dazu kommt oft fehlende Wertschätzung. Und die zeigt sich eben nicht nur auf der Gehaltsabrechnung, sondern auch im Alltag: Da wären zum Beispiel schlechte Führungsqualität, wenig bis kein Feedback, keine Anerkennung oder das Gefühl, absolut austauschbar zu sein. Vor allem Führungskräfte haben hier enormen Einfluss, denn viele kündigen nicht nur den Job, sondern am Ende vor allem die Rahmenbedingungen.
#3 Work-Life-Balance
Auch der Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance spielt eine große Rolle. Zu viel Stress, starre Arbeitszeiten, Überstunden oder zu wenig Flexibilität sorgen schnell dafür, dass sich Mitarbeitende nach Alternativen umsehen. Wer dauerhaft das Gefühl hat, dass der Job das ganze Leben bestimmt, denkt früher oder später über einen Jobwechsel nach.
#4 Purpose
Für andere steht eher der Wunsch nach mehr Sinnstiftung, einer besseren Unternehmenskultur oder spannenderen Aufgaben im Vordergrund. Nicht jeder will einfach nur weg – viele wollen vor allem irgendwohin, wo es besser passt. Ein Job darf heute gern mehr sein als reine Pflichterfüllung. Wer sich mit den Aufgaben, dem Team oder den Werten des Unternehmens nicht identifizieren kann, verliert oft die Bindung.
Und dann gibt es natürlich noch ganz praktische Gründe wie Umzug, Familie oder persönliche Veränderungen. Manchmal passt der bisherige Job einfach nicht mehr zur neuen Lebenssituation. Ein anderer Arbeitsort, veränderte Betreuungszeiten oder neue Prioritäten können völlig legitime Auslöser für einen Wechsel sein.
So richtest Du Deine Stellenanzeigen darauf aus
Statt nur allgemeine Benefits aufzuzählen, die niemanden mehr vom Hocker hauen, solltest Du genau die Punkte sichtbarer machen, die für wechselwillige Talente wirklich zählen. Dazu gehören:
- Konkrete Entwicklungsmöglichkeiten
- Transparenter Gehaltsrahmen
- Flexible Arbeitsmodelle (falls vorhanden)
- Teilzeitmodelle
- Klare Aussagen zu Führung, Team und Unternehmenskultur
- Realistische Einblicke in Aufgaben und Erwartungen
Wie Talente einen Jobwechsel begründen
Spulen wir zeitlich etwas vor: Du hast jemandem zum Vorstellungsgespräch da. Und zu diesem gehört auch oft die Begründung, weshalb ein*e Bewerber*in den Arbeitgeber wechseln möchte – nämlich zu Dir. Klar, kaum jemand wird offen sagen, dass man wegen mieser Kolleg*innen, schlechter Stimmung oder Chaos hoch zehn geht. Stattdessen fallen oft Formulierungen, die professionell klingen und gleichzeitig möglichst wenig Angriffsfläche bieten.
Typisch sind zum Beispiel: „Ich möchte mich weiterentwickeln“, „Ich suche eine neue Herausforderung“ oder „Ich wünsche mir ein Umfeld, das besser zu meinen Zielen passt.“ Das sind erstmal völlig legitime Antworten. Für Dich im Recruiting sind sie aber vor allem der Einstieg und nicht schon die ganze Wahrheit. Hinter so einer Begründung können ganz unterschiedliche Motive stecken. Manchmal geht es wirklich um Karriere, neue Aufgaben oder mehr Geld. Oft steckt aber Enttäuschung dahinter. Die Kunst ist es, zwischen höflicher Floskel und einem echten Wechselmotiv zu unterscheiden:
Antworten wirken vor allem dann authentisch und professionell, wenn sie konkret formuliert sind, aber nicht „nachtreten“. Kann jemand nachvollziehbar erklären, warum er oder sie den Job wechseln möchte, macht das einen guten Eindruck. Zum Beispiel: „Es gibt aktuell kaum Entwicklungsperspektiven und ich möchte mein Aufgabengebiet verändern.“. Das ist schlüssig, oder?
Schwieriger wird es bei sehr glatten Aussagen, die überall passen würden und am Ende wenig erklären. Wenn jemand nur von der „neuen Herausforderung“ spricht, aber gar nicht benennen kann, was genau fehlt oder wohin die Reise gehen soll, kannst Du schlussendlich eher wenig damit anfangen. Phrasen schwingen können wir schließlich alle.
Deine Rolle im Recruiting
Hörst Du also bei solchen Gesprächen genauer hin und fasst an der ein oder anderen Stelle nach, erkennst Du oft schnell, ob nur eine Floskel rausgehauen wurde oder ein echtes Wechselmotiv dahintersteckt. Du kannst den Kandidat*innen Fragen stellen wie zum Beispiel:
- Was müsste ein neuer Job mitbringen, damit sich ein Wechsel für Dich wirklich lohnt?
- Was fehlt Dir aktuell am meisten?
- Was ist Dir bei einem neuen Arbeitgeber besonders wichtig?
- Welche Rahmenbedingungen müssen für Dich passen?
- Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel?
Solche Fragen bringen Dich näher an das echte Motiv. Und genau das brauchst Du, um einschätzen zu können, ob Rolle, Unternehmen und Kandidat wirklich zusammenpassen.
Die richtige Einordnung ist aber nicht nur wichtig, um Bewerber*innen besser einzuschätzen. Sie hat auch viel mit Candidate Experience zu tun. Wenn Kandidat*innen das Gefühl haben, dass Du ihre Wechselgründe ernst nimmst und nicht sofort bewertest, entsteht ein deutlich besseres Gespräch. Wer sich verstanden fühlt, spricht offener und genau das hilft am Ende beiden Seiten.
Häufige Fehler im Umgang mit Jobwechslern
Die ein oder andere Arbeitsstelle wirkt im Lebenslauf manchmal auffälliger, als sie wirklich ist. Vor allem dann, wenn die Stationen kürzer sind oder der Karriereweg nicht geradlinig verläuft. Hier kann es im Recruiting schnell vorkommen, dass Fehler passieren: Es wird zu viel interpretiert, zu schnell bewertet und zu wenig verstanden.
Fehler Nummer 1: Vorschnelle Vorurteile
Natürlich lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wenn jemand mehrfach nach kurzer Zeit weitergezogen ist. Aber nicht jede kurze Station ist automatisch ein Warnsignal. Manchmal passte die Rolle einfach nicht, manchmal gab es Umstrukturierungen, schlechte Unternehmensführung oder Erwartungen, die im Arbeitsalltag anders aussahen als im Bewerbungsprozess. Schaltest Du hier auf „unbeständig“, machst Du es Dir zu einfach.
Fehler Nummer 2: Wechselgründe direkt negativ bewerten
Nicht jedes Talent, das wegen Führung, Gehalt oder fehlender Entwicklungsmöglichkeiten wechseln will, ist automatisch „schwierig“. Im Gegenteil: Oft zeigt so ein Wechselwunsch, dass jemand ziemlich klar benennen kann, was nicht funktioniert und was er bzw. sie stattdessen sucht. Sieh das eher als eine Chance statt als ein Problem, solange Du sauber zwischen Reflex und nachvollziehbarer Entscheidung unterscheidest.
Fehler Nummer 3: Zu wenig auf den individuellen Lebenslauf eingehen
Gerade beim Thema Jobwechsel (oder auch Quereinstieg) hilft es wenig, nur auf Stationen und Zeiträume zu schauen. Spannend wird es erst dann, wenn Du den Kontext mitdenkst. Warum wurde gewechselt? Was war der Auslöser? Was zieht sich vielleicht als roter Faden durch den Lebenslauf? Schaust Du nur oberflächlich, läufst Du Gefahr, die eigentliche Geschichte zu übersehen.
Du siehst: Nicht jede*r gute Bewerber*in bringt den perfekten Lebenslauf mit. Manchmal sind Umwege unvermeidbar, um die eigene Berufung zu finden. Oft bringen genau diese Leute Anpassungsfähigkeit, Lernbereitschaft und Klarheit darüber mit, was sie wollen (oder eben auch nicht mehr).
Dass Dir das im Recruiting-Prozess nicht passiert, sei Dir über folgende Punkte im Klaren:
- Nicht jede kurze Station ist eine Red Flag
- Nicht jeder Wechselgrund ist ein Problem
- Nicht jeder krumme Lebenslauf ist ein schlechtes Zeichen
- Nicht jeder perfekte Lebenslauf passt zur Stelle
Also: Nicht zu schnell bewerten, sondern genauer hinschauen!
So reduzierst Du ungewollte Jobwechsel
Dass aktuell so viele an ihrem Job hängen, heißt für Dich aber keineswegs, die Mitarbeiterbindung im eigenen Unternehmen schleifen zu lassen! Natürlich lässt sich nicht jede Kündigung verhindern. Aber selbst wenn Mitarbeitende sich aktuell keinen Arbeitgeberwechsel vorstellen können, sollen sie trotzdem zufrieden sein.
Das kannst Du tun:
- Klare Entwicklungsperspektiven schaffen:
Wer keine Perspektive sieht, schaut sich früher oder später woanders um. Deshalb ist es wichtig, dass Deine Mitarbeitenden wissen, wie es für sie bei Euch im Unternehmen weitergehen kann. Es muss nicht immer gleich der nächste große Karriereschritt sein. Oft reicht schon das Gefühl, dass Entwicklung überhaupt möglich ist. - Führung und Feedback verbessern:
Wer sich nicht gesehen fühlt, kaum Feedback bekommt oder nur unter Druck arbeitet, verliert schneller die Bindung ans Unternehmen. Gute Führung ist deshalb ein wichtiger Bindungsfaktor. Vor allem die kleinen Dinge machen oft einen großen Unterschied. Wer sich ernst genommen fühlt, denkt deutlich seltener über einen Jobwechsel nach.
- Flexible Arbeitsmodelle anbieten:
Für viele Beschäftige ist Flexibilität längst kein Bonus mehr, sondern eine echte Erwartung. Starre Arbeitszeiten, unnötige Präsenzpflicht oder wenig Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten können schnell zum Wechselgrund werden. Klar, nicht jedes Modell passt zu jeder Rolle. Aber überall dort, wo Flexibilität möglich ist, solltest Du sie nicht unnötig ausbremsen.
- Gehalt, Kultur und Kommunikation ehrlich betrachten:
Natürlich spielt auch die Bezahlung eine Rolle. Wenn Mitarbeitende dauerhaft das Gefühl haben, unter ihrem Wert bezahlt zu werden, steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass sie bye bye sagen. Aber Geld allein entscheidet selten. Genauso wichtig sind Unternehmenskultur und Kommunikation. Gerade beim Thema Kultur hilft es wenig, nur schöne Botschaften zu senden. Entscheidend ist, ob Deine Mitarbeitende das im Alltag auch wirklich so erleben.
Fazit: Jobwechsel verstehen statt nur bewerten
Ein Jobwechsel ist ein ganz normaler Karriereschritt. Wer den Arbeitgeber wechseln will, ist deshalb nicht automatisch sprunghaft oder unentschlossen, sondern oft einfach klar darin, was er sucht und was eben nicht mehr funktioniert.
Für Dich im Recruiting lohnt sich dieser offene Blick. Denn wenn Du Wechselmotive nicht vorschnell bewertest, sondern wirklich verstehen willst, kannst Du Kandidat*innen fairer einschätzen, Gespräche besser führen und Potenziale erkennen, die auf dem Papier vielleicht nicht sofort sichtbar sind. Gerade bei der Begründung für einen Jobwechsel steckt oft der entscheidende Hinweis darauf, ob jemand wirklich zur Rolle und zu Deinem Unternehmen passt.
Also: Verstehst Du die Gründe, kannst Du besser rekrutieren.